< Villa Müller digital
10.06.2020 14:06 Alter: 26 days

„Ende der Zeitzeugenschaft?“


Wahlpflichtfach Kulturvermittlung beschäftigt sich mit Erinnerungsarbeit
aus Anlass „75 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz“

Interview mit Dr. Peter Melichar
vorarlberg museum, www.vorarlbergmuseum.at

 

Was kann man Ihrer Meinung nach machen, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, um die NS-Zeit nicht zu vergessen?

„Ich hatte zwar das Glück, noch viele Zeitzeugen kennen zu lernen, sowohl Opfer als auch Täter. Beispielsweise war mein Vater zwar kein Kriegsverbrecher, aber er war eindeutig ein Nazi (sogar ein illegaler Nazi), ein Soldat und nach dem Krieg ein Mann, der zwar die Verbrechen nicht geleugnet oder beschönigt hat, aber auch nie seine persönliche Verantwortung begriffen hat. Für ihn waren es immer die obersten Politiker, die Generäle, die Spitzenbeamten, die an bestimmten Verbrechen schuld waren. Mit ihm habe ich sehr viel gestritten und dadurch auch sehr viel gelernt.

Aber nur weil die Zeitzeugen jetzt aussterben, wird man nicht gleich die NS-Zeit vergessen. Man darf nicht übersehen: Vieles ist in der Geschichtsforschung geschehen, ohne dass man Zeitzeugen befragt hat (meistens ist das ja auch gar nicht möglich gewesen und wenn, dann hat man oft mit den Auskünften gar nichts anfangen können oder zumindest nicht das, was man sich erhofft hat).

Ich denke, es sind zwei Dinge notwendig, um die NS-Zeit nicht zu vergessen: Man muss sich erstens – auch persönlich, wenn das möglich ist – mit denen auseinandersetzen, die versuchen, diese Zeit zu verharmlosen oder gar die Judenvernichtung leugnen oder beschönigen. Überall, in allen Regionen, auch in Vorarlberg gibt es Anhänger der diversen rechten Gruppierungen (von altmodischen Neonazis bis hin zu den Identitären). Auch wenn man sie nicht überzeugen kann, muss man sich mit ihnen auseinandersetzen, versuchen herauszubekommen, warum sie so denken.

Zweitens ist es unabdingbar, weiter über die NS-Zeit zu forschen und diese Forschungen zu vermitteln, dazu gehört u. a. auch der Einsatz all der Interviews und Memoiren, Erinnerungen, die es von den Zeitzeugen gibt. Zwar ersetzt das nicht die lebendige Erfahrung, aber es ist wichtig und kann auch jemanden wie mich, der schon viel dazu gelesen und gehört hat, immer wieder beeindrucken.“

Was halten Sie vom Begriff Shoah? Verwenden Sie ihn? Was, finden Sie, könnte man machen, um den Begriff weiterzuverbreiten?

„Ich habe nichts gegen den Begriff ‚Shoah‘, verwende ihn selbst aber nicht. Das Wort ist für mich besetzt durch den Film von Claude Lanzmann, ‚Shoah‘, der höchst eindrucksvoll ist und den man gesehen haben muss; übrigens auch das Interview, das Claude Lanzmann mit Benjamin Murmelstein in den 1960er oder frühen 1970er Jahren geführt hat. Dieses Gespräch mit Benjamin Murmelstein war und ist bis heute etwas vom Beeindruckendsten, was ich kenne, denn es geht um einen Juden, der von anderen beschuldigt wird, in absolut schwierigen Situationen mit der SS und der Gestapo zusammengearbeitet zu haben. Murmelstein ist gezwungen, sich zu verteidigen und seine Situation und Handlungsweise zu erklären. Vielleicht genügt es, immer wieder auf diese Filme hinzuweisen, um zum Nachdenken über den Begriff ‚Shoah‘ anzuregen.“

Finden Sie es für sich selbst eine wichtige Aufgabe in Ihrem Job, etwas über diese Zeit zu vermitteln?

„Natürlich ist es für mich als Historiker wichtig, auf die NS-Zeit hinzuweisen. Ich nehme da jede Einladung und jede Gelegenheit war, auch wenn ich selbst jetzt mehr über andere Themen forsche. Wenn Ihr mich also einmal in Eure Schule in den Unterricht einladen wollt, damit ich etwas über Arisierungen (Vermögensentziehungen) oder andere Dinge berichte, komme ich gerne (aber nur, wenn ich ohne Maske sprechen darf).“

Finden Sie, dass die Geschichtsbücher zu verharmlosend sind, und finden Sie, dass die Verharmlosung Auswirkungen auf die Sicht der Schüler hat?

„Es tut mir leid, aber Geschichtsbücher, die heute in der Schule verwendet werden, kenne ich nicht. Diese Frage kann ich daher nicht beantworten. Als ich in den 1970er Jahren das Gymnasium besucht habe, haben die Geschichtsbücher die NS-Zeit sicher verharmlost. Aber ich glaube nicht, dass das einen Einfluss darauf gehabt hat, wie wir Schüler die NS-Zeit beurteilt haben. Denn jeder hat sehr schnell und sehr früh kapiert, dass es eine Welt, ein Leben außerhalb der Geschichts- und sonstigen Lehrbücher gibt. Und die Welt außerhalb war wichtiger und entscheidender für die Bildung der eigenen Meinung, des eigenen Urteils. Es gab Dokumentarfilme, Romane, Theaterstücke, aber eben auch Gespräche mit vielen, die die NS-Zeit noch erlebt haben, das war viel wichtiger. Aber ein gutes Lehrbuch ist natürlich auch nicht zu verachten, das kann schon wichtige Anstöße und Hinweise geben, vor allem sollte es einen dazu bringen, selbständig zu denken.“

Vielen Dank für das Interview!

 

Informationen zu Dr. Peter Melichar:
„Seit 2009 bin ich Kurator im vorarlberg museum in Bregenz. Das ist eine wunderbare, sehr interessante Tätigkeit: Man arbeitet mit anderen Menschen zusammen an Ausstellungen, macht zu diesen Themen auch Bücher, schreibt Beiträge für Kataloge, hält Vorträge. Man besucht Sammler oder Personen, die etwas gefunden haben, man nimmt an Diskussionsveranstaltungen teil, manchmal auch in Schulen. Und man versucht, die Ergebnisse der Recherchen und Forschungen in Zeitungsartikeln möglichst klar verständlich darzustellen. Davor habe ich lange Zeit in Wien gelebt, war an Editionsvorhaben, Ausstellungen und Forschungsprojekten beteiligt, etwa als Mitarbeiter der Österreichischen Historikerkommission und der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg.
Studiert habe ich auch in Wien, Geschichte und Philosophie, und das hat vielleicht damit zu tun, dass ich in Vorarlberg eine Klosterschule besucht habe, in der man mit vielen Geschichts- und Lebenslügen konfrontiert war. Geboren bin ich in Dornbirn, 1960, und die ersten Lebensjahre habe ich in der SS-Siedlung am Dornbirner Zanzenberg gelebt, der mit seinem, von der Industriellenfamilie Hämmerle zur Verfügung gestellten Park und der Klotzacker-Siedlung ein geschichtsträchtiges Gelände ist.

PS.: Anbei gerade noch ein kleiner Artikel über das Kriegsende
https://themavorarlberg.at/wissenschaft/1945-gedenken-oder-nachdenken


Ein besonderer Tipp des Wahlpflichtfaches Kulturvermittlung gilt der aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum „Ende der Zeitzeugenschaft?“, die bis 16. August 2020 verlängert worden ist.
Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)

Informationen: https://www.jm-hohenems.at/

Wahlpflichtfach Kulturvermittlung:
Jonas Bentele, Magdalena Elender, Anna Furxer, Isabella Maria Holubar, Johanna Koch, Magdalena Pratzner, Chiara Preg, Strauch Maria, Lara Sophie Summer, Sabine Benzer