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23.06.2020 12:57 Alter: 94 days

„Ende der Zeitzeugenschaft?“


Wahlpflichtfach Kulturvermittlung beschäftigt sich mit Erinnerungsarbeit

„Nicht die Toten ehren wir, mit diesen unschönen, unscheinbaren Resten vergangener Verbrechen, wir sammeln und bewahren sie, weil wir sie irgendwie brauchen […].“

Ruth Klüger

Die VermittlerInnen der Kultur am Gymnasium Schillerstraße in Feldkirch haben sich mit Erinnerungsarbeit und Shoah beschäftigt, denn es ist auch für junge Leute nach wie vor ein sehr wichtiges Thema. Es wurde aus Anlass von 75 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz zu diesem Zeitpunkt aufgegriffen.

Zusätzlich dazu findet aktuell eine Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems mit dem Titel „Ende der Zeitzeugenschaft?“ statt, die sich damit beschäftigt, dass es bald nur noch die Erinnerung von ZeitzeugInnen in Büchern, Filmen, Ausstellungen geben und wo die Frage gestellt wird, wie sich die Erinnerungsarbeit in Zukunft ohne die ZeitzeugInnen gestalten lässt.

Leider hat die Covid-19-Pandemie zur Absage des geplanten Workshops im Jüdischen Museum gezwungen. Kulturvermittlerin Judith Niederklopfer-Würtinger und Kuratorin Anika Reichwald haben das Wahlpflichtfach trotzdem mit Materialien unterstützt und in einer digitalen Form mit den SchülerInnen gearbeitet.

Für das Wahlpflichtfach Kulturvermittlung war besonders die Frage spannend: Wie kann man diese Zeit, wie kann man die Shoah vermitteln? Interessant erschien vor allem der „Keyworker“-Ansatz, der eine spezielle Form der Kulturvermittlung bezeichnet: Junge Leute erarbeiten und vermitteln die Inhalte für AlterskollegInnen.

Zu Beginn der Beschäftigung mit dem Thema stand die Frage, welcher Zusammenhang zwischen Kulturvermittlung und Erinnerungsarbeit besteht:

„Das Thema Holocaust/Shoah hat uns geprägt. Es hat unsere Gesellschaft verändert. ‚Nie wieder‘ wirkt auch stark in die Kunstproduktion hinein. Die Kulturvermittlung kann hier Zugänge schaffen“, meint Isabella. Maria bestätigt, dass Kulturvermittlung und Erinnerungsarbeit viel miteinander zu tun haben, „denn das Thema ist Teil unserer Identität. Es hat einen sehr starken Einfluss auf fast alles, vor allem auch auf die Kunst.“

„Kultur beinhaltet auch Erinnerung. Und unsere Erinnerungen entwickeln sich.“ Chiara ist der Meinung, dass daher „diese Vermittlung so wichtig wird.“

Im Zuge der Auseinandersetzung mit diesen Inhalten hat sich das Wahlpflichtfach auch mit dem Begriff „Shoah“ beschäftigt und versucht, den Unterschied zwischen „Shoah“ und „Holocaust“ herauszufinden. Recherchen haben ergeben, dass der Begriff Holocaust vom griechischen „holocauston“ stammt und „vollständig verbrannt“ bedeutet. Man versteht darunter den Massenmord an Juden durch die Nationalsozialisten.

Shoah bedeutet hingegen so viel wie „Katastrophe/großes Unglück“. Er bezeichnet aber ebenfalls diesen Massenmord an europäischen Juden. Da der Begriff Holocaust zu sehr die „Opferrolle“ meint, was früher in einem religiösen Zusammenhang gebraucht wurde, wird er heute oft durch den Begriff Shoah ersetzt. Auch das Wahlpflichtfach ist zu dem Schluss gekommen, vorzugsweise den Begriff Shoah zu verwenden.

Das Wahlpflichtfach sieht die ZeitzeugInnen-Menschen, die die Shoah selbst erlebt haben und unmittelbar davon berichten können – indirekt auch als „KulturvermittlerInnen“. „Wenn Erzählung aus erster Hand in Zukunft nicht mehr möglich sein werden, müssen andere Arten der Weitergabe entwickelt werden,“ meint Anna.

Die Fakten können auch in Geschichtsbüchern bewahrt werden, die Emotionen, die die Shoah besonders eindringlich darstellen, müssen in Zukunft über künstlerische Zeugnisse wie Zeichnungen, Filme, Literatur vermittelt werden.

Ein paar Beispiele für künstlerische Zeugnisse hat das Wahlpflichtfach zusammengesucht:

Serie: Hunters, Amazon Prime, USA 2020 (Fiktion der Zukunft: Nazis wollen 4. Reich in den USA gründen, Hunters machen Jagd auf sie).

Kurzfilm: One for one, Film von Jordan Mederich, Project Greenlight 2014, https://www.youtube.com/watch?v=uIRW3Uxm9Fg,

Film: Schindlers List, USA 1993, Regie: Steven Spielberg

Film: Weiße Rose, D 1982, Regie: Michael Verhoeven

Film: Anne Frank, D 2016, Regie: Hans Steinbichler

Zeitzeugen der 2. Generation: Ingrid Portenschlager undJudith Ribic erzählen von ihrem Vater Ernst Reiter, der das Konzentrationslager Flossenbürg überlebte und 2006 verstorben ist. http://www.lilawinkel.at/ernst-reiter/

Buch: Sam Pivnik, Der letzte Überlebende, Theiss 2017

Film: Der Pianist, F 2002, Regie: Roman Polanski

Buch: Wolfgang Borchert, Nachts schlafen die Ratten doch, 1947

Doku: Die letzten Zeitzeugen, Teil 1-3, https://tvthek.orf.at/history/Geschichte-Holocaust-und-Antisemitismus

Lara, Mäggy und Chiara haben dem Historiker Peter Melichar aus dem Vorarlberg Museum in Bregenz geschrieben, um ihn um seine Meinung zu diesem Thema zu befragen. Sie haben ihm fünf Fragen über die NS-Zeit und über die Shoah gestellt und er hat sie sehr ausführlich und sehr nett beantwortet, „wofür wir ihm sehr dankbar sind“. Alle seine Antworten waren sehr spannend, aber eine war besonders beeindruckend: Auf die Frage „Finden Sie, dass Zeitzeugen wichtig für die Vermittlung der Geschichte sind?“ hat er geantwortet, dass er die Zeitzeugen natürlich wichtig fände, erzählt Lara. „Dann hat er uns von seinen eigenen Erfahrungen mit seinem Vater erzählt, der ein Nationalsozialist war und mit dem er intensive Diskussionen geführt hat.“ Seiner Meinung nach seien zwei Dinge notwendig, um die NS-Zeit nicht zu vergessen: „Man muss sich persönlich mit dem Thema auseinandersetzen und die Fehler eingestehen, die wir damals gemacht haben. Die Leute, die sich trotzdem noch rechten Gruppierungen anschließen, muss man vom Gegenteil überzeugen, falls das nicht funktioniert, sollte man auch versuchen herauszufinden, warum sie so denken“. Außerdem regt Herr Melichar an, „weiter über die NS–Zeit zu forschen und die Forschungen, Bücher, Memoiren etc. weiter intensiv zu vermitteln, auch wenn sie die Erfahrungen der lebenden Zeitzeugen niemals vollständig ersetzen können.“

Ein besonderer Tipp des Wahlpflichtfaches Kulturvermittlung gilt der aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum „Ende der Zeitzeugenschaft?“, die bis 16. August 2020 verlängert worden ist.

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)

Informationen: https://www.jm-hohenems.at

Wahlpflichtfach Kulturvermittlung:

Jonas Bentele, Magdalena Elender, Anna Furxer, Isabella Maria Holubar, Johanna Koch, Magdalena Pratzner, Chiara Preg, Strauch Maria, Lara Sophie Summer, Sabine Benzer

Alle Fotos: Jüdisches Museum Hohemens, Dietmar Walser